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Copyright auf Kochrezepte? Nein danke!

FAZ vom Samstag, 11.8.2007 - GeschmackssacheWas im Bereich der Software zu besten Ergebnissen führt, soll - im Bereich der Küche - auf einmal schlecht sein. Zumindest, wenn es nach Jürgen Dollase, dem Gastro-Schreiberling der Frankfurter Allgemeinen geht. In seiner Kolumne "Geschmackssache", diesmal mit dem vielsagenden Titel "Copyright aufs Kochen. Rezepte brauche Kreativität: Wider den munteren Ideendiebstahl", bricht er eine Lanze dafür, Kochkreationen durch das Urheberrecht zu schützen.
Der Text selbst ist bezeichnenderweise Bezahl-Content, d.h. wir können ihn nicht verlinken, sondern bloß holzschnittartig wiedergeben. Dollase jedenfalls will die Praxis erkennen, dass "Küchenchefs [...] landauf, landab wie die Raben [klauen]", was gemeinhin unverfolgt und unbestraft bleibe. In den Küchen herrsche also "urheberrechtliche Anarchie". Für Dollase kommt das einem kleinen Skandal gleich, denn: "Einige Köche, von den Brüdern Troisgros ("Lachs mit Sauerampfer") bis zu Ferran Adrià, hätten mit Lizenzgebühren für ihre Entwicklungen steinreich werden können."
Geschmack ist bekanntlich kulturell geprägt, der Sinn dafür wird uns liebe- bis mühevoll anerzogen. Damit beginnen schon unsere Mütter und Familien. Die Schule und andere (Bildungs-)Institutionen vervollkommnen diese frühkindliche Prägung (vgl. Pierre Bourdieus empfehlenswerten Wälzer Die feinen Unterschiede). Was unsereineR gut findet, hat daher auch immer mit dem kulturellen und sozialen Umfeld zu tun, in dem er/sie sich bewegt. Das heißt, dass schon die Grundvoraussetzung für das Kreieren neuer Kochrezepte keine individuelle, sondern vielmehr eine gesellschaftliche ist.
Ferner sind Rezepte seit jeher nichts Statisches, sondern viel eher so etwas wie die Ur-Ahnen des Open Source-Gedankens. Über Jahrhunderte hinweg wurden sie von Koch zu Koch (bzw. von Köchin zu Köchin) weitergegeben und von jedem/jeder gemäß eigenen Vorstellungen und dem Geschmack der jeweiligen Zeit entsprechend adaptiert. Dass nicht nur eine Person, sondern viele an den Rezepten arbeiten, macht den Reichtum aller Küchen weltweit aus.
Nun hat sich die Welt der Küchen in unseren Breiten aber seit einigen Jahrzehnten verändert: Einige wenige Männer haben in der Küche Starstatus erreicht (Frauen gehören da erstaunlicherweise immer noch kaum dazu). Sie sollen diesen nun - geht es nach Dollase - auch wirklich zu Geld machen können. Erstaunlich, denn auch deren Rezepte kommen ja nicht aus dem Nichts. Im Gegenteil, sie können ja eigentlich nur auf der Basis jener Open Source-Küchentraditionen entstehen, in der sich die Köche, aber auch die Esser bewegen. Warum also etwas zugunsten einiger Weniger kapitalisieren, was auch ohne die Wirksamkeit der Marktlogik seit Jahrhunderten bestens funktioniert? Noch nie was von Creative Commons gehört, Herr Dollase?
kulinaria katastrophalia - 12. Aug, 19:56

Grundsätzlich kann es schon ein Urheberrecht an bestimmten Kreationen geben, wenn sie denn die erforderlichen Eigenleistungen (Bezeichnung z.Bsp.) deutlich erkennbar zutage treten lassen. Erfindungen wie eine neue Superlimonade dann kann die natürlich auch geschützt werden, wenn jemand das Rezept für sich beanspruchen will. Aber mal abgesehen von solchem juristischen Schnickschnack dürften diese manchmal schwer abgrenzbaren Fälle auf die Vielzahl von Rezepten nicht übertragbar sein. Das gibt Gelegenheit zustimmenderweise noch darauf hinzuweisen, dass es ja kaum etwas gibt, was nicht schon einmal irgendwo in einer ähnlichen Zusammenstellung schon mal zubereitet wurde - nur eben schlichtweg nicht publiziert worden ist. Da das eben nicht so richtig greifbar ist, würden Rechtsstreitigkeiten auch ein Ausmaß annehmen, welches schnell im Fiasko endet.
Letztendlich hilft das tolle Rezept auch nicht, wenn schlichtweg die Fähigkeit fehlt dieses auch entsprechen umzusetzen, was allerdings der Masse egal sein dürfte - denn wenn erst mal ein "berühmter" Koch respektive seine angestellten KöchInnen das Essen auf den Teller geschichtet haben, muss es ja einfach gut sein...

fressack - 14. Aug, 23:44

Den Dollase mochte ich bisher wegen seines kompromisslosen Qualitätsanspruchs. Obwohl humorloser als Siebeck, dessen Zynismus ich herrlich finde, ist er noch akribischer in seiner Analyse als Paczensky zu seinen Hochzeiten.
Diese seine Forderung aber macht mich baff. So einen hanebüchenen Unsinn hätte ich von einem versierten Kochkritiker/-anlytiker nicht erwartet. Die rechtlichen Aspekte des Urheberrechts auf Kochrezepte wurden in der Vergangenheit erschöpfend beleuchtet; mit dem Ergebnis, dass sich nichts schützen lässt, was qua open-source-Prozessen entstanden ist und sich weiter entwickelt. Gebe ich zur Pfirsich Melba eine Knoblauchzehe, ist ein neues Rezept entstanden.
Wenn ich früher als Ihr von seinem Erguss erfahren hätte, wäre das bei mir in der Rubrik "xy schwätzt" gelandet.

Erstaunlich, das sei hier kurz angemerkt, dass ich hier mit kulinariakatastrophalia mal einer Meinung bin. Allerdings nur inhaltlich, auch Kommentare sollten grammatikalisch unbedenklich sein. (Seitenhieb)

reibeisen - 15. Aug, 20:29

üblicherweise lesen wir die dollase-kolumnen ja auch sehr gerne. umso größer die enttäuschung am vergangenen wochenende. aber vielleicht macht er das ja beim nächsten mal wieder gut?!
foolforfood - 19. Aug, 16:49

Ich dachte auch, dass die "Copyright auf Kochrezepte"-Debatte mittlerweile beendet wäre. Ich stelle mir gerade vor: Eine Pauschale für die "Verwertungsgesellschaft Kochrezept", die auf jeden verkauften Herd aufgeschlagen wird. Und pro Tomatensuppe, die man kocht, wird eine Lizenzgebühr für den Urheber fällig. Und allein der Streit, wer den nun die Tomatensuppe erfunden hat. Liefe das Urheberrecht aus, wie bei Musik? Dann wiederum dürfte die Tomatensuppe inszwischen lizenzfrei sein. Viel zu skurril, um sich ein solches Szenario ernsthaft vorzustellen.

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